Ab ins Quartier!

Demografischer Wandel in Zeiten klammerer Kassen. Und Quartiersentwicklung ist die Lösung?

Die Landesregierung NRW setzt gegen soziale Ausgrenzung und Armut auf starke Quartiere, das NRW Gesundheitsministerium propagiert den Masterplan altengerechte Quartiere und das Sozialministerium fordert inklusive Quartiere. Gemeinwesenarbeit, Stadtteilarbeit oder Sozialraumorientierung hieß es früher, nun heißt es Quartiersentwicklung. Ist das mehr als alter Wein in neuen Schläuchen?

FORUM sprach mit Cornelia Harrer, Fachreferentin für Quartiersentwicklung, über Chancen und Grenzen im Quartier.

Quartiersentwicklung ist in aller Munde. Aber ist es wirklich neu?

Cornelia Harrer: Sicher gibt es Gemeinsamkeiten mit Sozialraumorientierung oder Gemeinwesenarbeit. Auch diese Ansätze betrachten die soziale Arbeit im Kontext von Raum, gehen vom Feld und nicht vom Fall aus. Das hat sich bewährt und darauf baut
auch Quartiersentwicklung auf. Dass die Landesregierung sich das Thema gepackt hat und es vorantreiben will, finde ich erstmal ausgesprochen positiv. Wie weit beispielsweise der Masterplan Quartier tragen wird, ob auf gute Worte auch handfeste Unterstützung für Kommunen und Träger vor Ort folgen wird, bleibt abzuwarten. Der ganzheitliche und präventive Ansatz ist aber unbestritten der richtige. Und was ich bei Quartiersarbeit, wie sie heute begriffen wird, neu und spannend finde: Sie setzt bei sehr kleinen Räumen an.

Warum ist das ein Vorteil?

Sie kennen das von sich selbst: Zu Ihrem direkten Umfeld haben Sie einen ganz anderen Bezug, sind motiviert, etwas zu tun,und bekommen auch direkt etwas zurück. Oder wie es die Engagementforschung formuliert: Hier liegen Potenziale für bürgerschaftliches Engagement, die es zu nutzen gilt. Wir werden alle älter, wollen so lange wie möglich zuhause leben können. Ein funktionierendes Quartier kann dazu beitragen. Es wird nie die professionelle Pflege ersetzen können, aber nehmen Sie ganz banale Dinge wie das Hinausstellen einer schweren Mülltonne oder Hilfe beim Einkauf. In vielen Nachbarschaften funktioniert gegenseitige Hilfe ganz selbstverständlich – doch in ebenso vielen kennen sich die Nachbarn gar nicht, leben aneinander vorbei.

Und wie wollen Sie das ändern?

Oft braucht es nur einen Anstoß, jemanden, der den Stein ins Rollen bringt. Das fängt ganz klein an, etwa mit einem Vater, der andere Eltern anspricht, sich gemeinsam für die Reparatur eines Spielplatzes stark zu machen. Und dann wird mit den Nachbarn ein Fest zur Einweihung gefeiert, weitere Kontakte geknüpft und Netzwerke gesponnen. Stichwort Feste: Früher waren Kirchengemeinden oder auch Siedlervereine oft Impulsgeber, wurden bei ihren Feiern und in ihren Räumen die Netzwerke gesponnen. Doch gerade wenn ich in die Großstädte schaue, fehlen diese Räume heute oft, bietet sich nicht mehr automatisch die Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen und zur gegenseitigen Unterstützung.

Wen sehen Sie hier in der Verantwortung, wer ist hier gefragt?

Dort, wo die Initiative nicht von den Menschen selbst ausgeht, ist die soziale Arbeit gefragt. Nicht zuletzt auch unter unseren Mitgliedsorganisationen finden sich zahlreiche Einrichtungen und Projekte, die sich genau das seit Jahren auf die Fahnen geschrieben haben, seien es Bürgervereine, Nachbarschaftsheime oder Stadtteiltreffs. Doch auch wenn hier viel mit Herzblut und ehrenamtlichem Engagement vorangetrieben wird: Ganz ohne Geld geht es nicht. Und leider ist es auch bei diesen Projekten so wie bei vielen anderen im sozialen Bereich: Sie hangeln sich von Projektfinanzierung zu Projektfinanzierung. Oder stehen Jahr für Jahr wieder auf der Streichliste des Kämmers, wenn es gilt, den kommunalen Haushalt zu sanieren.

Doch viele Kommunen sind nun einmal knapp bei Kasse?

Zum einen bin ich fest davon überzeugt: Auch – oder gerade – dort, wo nicht das dicke Geld sitzt, lohnt es, in das Quartier zu investieren. Denn es rechnet sich für den Kämmerer, wenn die Quartiere intakt sind, die Netzwerke tragen und Folge kosten an anderer Stelle eingespart werden. Aktuell können Kommunen auch über das Programm „Starke Quartiere – starke Menschen“ Gelder des europäischen Strukturfonds beantragen. Hier gilt es, integrierte Handlungskonzepte für benachteiligte Quartiere zu entwickeln und dabei auch die Erfahrungen der freien Träger zu nutzen. Und dabei denke ich nicht nur an die vorhin erwähnten Organisationen, die Quartiersarbeit als ihren Kernauftrag begreifen.

An welche Organisationen denken Sie?

In den letzten Wochen und Monaten, in denen ich mich in meine neue Rolle als Fachreferentin Quartiersentwicklung eingearbeitet habe, wurde mir eins ganz schnell klar: In dem Themenfeld passiert in unserer Mitgliedschaft ganz viel. Manchmal tragen die Projekte auch ganz explizit das Label Quartiersarbeit. Oft aber auch nicht und doch wird ebenso gute Quartiersarbeit geleistet. Angefangen beim Seniorenheim oder der Kita, die sich öffnen und Schritt für Schritt im Stadtteil vernetzen. Etwas investieren und am Ende auch selber wieder davon profitieren. Oder – wir sprechen soviel von der Großstadt – mal ganz bewusst ein Beispiel vom Land: der Verein, der eine Genossenschaft gründet, einen Laden eröffnet und so auch denen wieder die Chance zum Einkaufen gibt, die sich nicht mal eben ins Auto setzen und zum Supermarkt auf der grünen Wiese fahren können. Auch das ist Quartiersarbeit, die es gilt zu fördern; auch das ist ein gutes Beispiel, dass es gilt in andere Kommunen zu übertragen. Das Quartier wird nicht der Heilsbringer für alle sozialen, demografischen und ökonomischen Probleme sein. Aber in ihm schlummert noch ganz viel Potenzial – packen wir es gemeinsam an!

Das Interview ist erschienen im "FORUM", der Zeitschrift des Paritätischen NRW (Ausgabe 1/2015). Unter folgendem Link können Sie sich die Ausgabe herunterladen:

Kontakt:
Cornelia Harrer
Fachreferentin für Quartiersentwicklung
Paritätischer NRW
Tel. (0221) 95 15 42-29
harrer@paritaet-nrw.org

 

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