Ein neues Zuhause in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft

Angehörige

Inge Laskowsky suchte für ihre demenzkranke Mutter ein neues Zuhause.

Wird ein älterer Mensch zunehmend hilfe- oder pflegebedürftig, kann er oftmals nicht mehr in seinem bisherigen Zuhause wohnen bleiben. Ein Umzug in eine andere Umgebung beeinflusst die Lebensqualität, die sozialen Beziehungen und nachbarschaftlichen Netzwerke der Betroffenen jedoch maßgeblich. Auch für die Angehörigen entsteht eine emotional belastende Situation, wenn sie für ihre Eltern oder Ehepartner plötzlich eine alternative Wohnform suchen müssen.

Eine schwere Entscheidung

So erging es Inge Laskowsky, als sie erkannte, dass ihre an Alzheimer erkrankte Mutter nicht mehr alleine in ihrer Wohnung leben konnte. Franz Schumacher, Fachreferent „Wohnen im Alter“ beim Paritätischen NRW, sprach mit der 47-Jährigen Sozialpädagogin über die schwere Entscheidung, ihre pflegebedürftige Mutter in einer selbstorganisierten Wohngemeinschaft unterzubringen.

Franz Schumacher: „Frau Laskowsky, Ihre Mutter ist 83 Jahre alt und lebt jetzt seit September 2009 in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz in Köln. Wie geht es ihr dort?“

Inge Laskowsky: „Sehr gut! Sie ist so ruhig wie noch nie in ihrem Leben, denn sie spürt, dass sie bestens versorgt und betreut wird. In der heimeligen Umgebung fühlt sie sich wohl und sicher und genießt besonders das Zusammensein mit den anderen Bewohnern und Bewohnerinnen.“

Fachberater

Franz Schumacher, Fachreferent "Wohnen im Alter"

Franz Schumacher: „War es schwierig, ihre Mutter zum Umzug in die ambulant betreute Wohngemeinschaft zu bewegen?“

Inge Laskowsky: „Die Alzheimer-Erkrankung meiner Mutter war zu dem Zeitpunkt schon so weit fortgeschritten, dass sie das leider nicht mehr selber entscheiden konnte. Ich musste diese Entscheidung treffen – gegen ihren Willen. Das war hart, aber ich wollte sie und auch mich schützen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich mich bereits drei Jahre sehr intensiv um meine Mutter gekümmert, sie jeden Tag in ihrer Wohnung besucht und zusätzlich eine private Pflegerin engagiert.

Aber ich musste zusehen, wie sie trotzdem immer hilfloser, ängstlicher und orientierungsloser wurde. Auch ich bin während der Betreuung an meine körperlichen und psychischen Grenzen gestoßen. Irgendwann war klar, dass ich eine Alternative finden oder meinen Job kündigen und die Pflege ganztags übernehmen musste, denn ich wollte meine Mutter nicht in einem Heim unterbringen.“

Franz Schumacher: „Wie haben Sie von der Pflege-Wohngemeinschaft erfahren?“

Inge Laskowsky: „Eher zufällig, da die Tante einer Bekannten dort wohnt. Ich kannte gar keine alternativen Wohnformen, wollte mich mit diesem Thema aber auch nicht auseinandersetzen. Gemeinsam mit meiner Mutter habe ich dann einen Besichtigungstermin vereinbart. Sie hielt natürlich gar nichts von der Idee, in die Wohngemeinschaft zu ziehen. Und auch ich dachte anfangs, dass es bestimmt nicht gut ist, alte Menschen aus ihrer gewohnten Umgebung herauszuholen. Aber meine Mutter fühlte sich alleine in ihrer Wohnung nicht mehr wohl. Ich musste für sie handeln, denn sie konnte das nicht mehr.“

Franz Schumacher: „Hatten Sie deswegen Schuldgefühle?“

Inge Laskowsky: „Ja, besonders weil meine Mutter in der ersten Zeit immer mit ihrer Handtasche im Arm auf mich wartete. Sie dachte, ich komme, um sie abzuholen und in ihre alte Wohnung zurückzubringen. Das hat mir fast das Herz gebrochen. Aber bereits nach einem Monat war sie nicht mehr so unruhig wie früher und psychisch deutlich stabiler. Sie begreift zwar nicht so richtig, wo sie wohnt, aber sie empfindet es jetzt als ihr Zuhause.“

Franz Schumacher: „Woran haben Sie das gemerkt?“

Inge Laskowsky: „Meine Mutter machte sich plötzlich Gedanken, wo denn die ganzen Leute schlafen sollen und ob sie für alle genug Essen im Kühlschrank hat. Da wurde mir klar, dass sie sich als Gastgeberin für die anderen Bewohner und Bewohnerinnen sieht. Außerdem merke ich heute bei jedem Besuch, wie positiv sich das Miteinander in der Gruppe und die intensive, liebevolle Betreuung durch das Pflegepersonal auf sie auswirken. Jetzt, wo ich mir nicht mehr rund um die Uhr Sorgen um ihr Wohlergehen machen muss, habe ich Frieden geschlossen – mit ihrer Alzheimer-Erkrankung und der neuen Wohnsituation.“

Franz Schumacher: „Haben Sie als Angehörige Einfluss auf die Betreuung Ihrer Mutter?“

Inge Laskowsky: „Ich habe das Angehörigen-Gremium des Vereins „Dabei sein!“, der die ambulant betreute Wohngemeinschaft betreibt, mitgegründet. Wir treffen uns alle zwei Monate, besprechen aktuelle Probleme oder Neuaufnahmen und kontrollieren zum Beispiel, ob das Haushaltsgeld sinnvoll verwendet wird. Als Mitglieder des Gremiums haben wir vielfältige Entscheidungsbefugnisse und können das Leben unserer Lieben auf diese Weise nachhaltig mitgestalten.“


Information:

Der Kölner Verein „Dabei sein!“ – Wohngruppeninitiative für demenzerkrankte Menschen e.V. hilft Pflegebedürftigen, die in ihrem eigenen Zuhause nicht mehr ausreichend betreut werden können. Der Verein mietet geeignete Räumlichkeiten an und unterstützt auf diese Weise die Gründung von Wohngruppen für Demenzkranke.

In Köln betreibt „Dabei sein!“ derzeit zwei ambulant betreute Wohngemeinschaften, weitere sind in Planung. Auf der Homepage des Vereins finden Interessenten auch Hinweise auf freie Zimmer.

„Dabei sein!“ – Wohngruppeninitiative für demenzerkrankte Menschen e.V. ist eine Mitgliedsorganisation des Paritätischen NRW.

 

  Seite drucken   Sitemap   Mail an die Projektleitung   Suchtipps   Hinweise zur Änderung der Schriftgröße  
Über den Verein
Weitere Informationen über die Pflege-Wohngemeinschaften des Vereins "Dabei sein!" finden Sie hier. [Mehr]


 
top